Der Versuch eine Idee begreifbar zu machen
1
Ich glaube nicht daran. Nein, wirklich nicht. Ich sehe lieber auf meine Armbanduhr und denke nicht mehr darüber nach. Welchen Sinn hat es auch. Ändern kann ich es ja doch nicht mehr. Vor drei oder vier Jahre - vielleicht. Heute ist es unmöglich. Hätte ich damals gewußt, was ich tue, nie hätte ich es zugelassen.
2
Ich wende mich wieder dem Pelikan zu, der auf meinem Tisch liegt. Es ist noch viel zu tun, bevor fertig seziert ist. Er flog mir zu. An einem trüben Mittwochmorgen im November. Eigentlich hatte ich anderes vor. Aber diese Gelegenheit kam so günstig, daß ich mich nicht mehr für Drachenfliegen interessierte.
Ich nahm den Pelikan mit auf mein Zimmer und bot ihm einen Cognac zu Trinken an. Er lehnte höflich ab und machte es sich in meiner Hängematte bequem. Lu Winkler sei sein Name, sagte er. Ich glaubte ihm kein Wort. Lu Winkler war mir bekannt; dieser Name, der meiner Phantasie entsprungen war, gehörte einem Mann, der Cognac sehr liebte. Ich nahm nicht an, daß er ihn verkauft hatte.
'Hören Sie gut zu', sagte ich zu dem Pelikan, der mit seinen Federn spielte, 'ich weiß, daß sie ein Hochstapler sind. Ich werde es Ihnen beweisen.'
Bevor er reagieren konnte, sprang ich aus meinem Sessel auf und nähte die Hängematte zu. Der freche Eindringling war gefangen.
Ich setzte mich wieder und fing an eine Geschichte zu erzählen. Binnen kurzer Zeit war der Gefangene bewußtlos und ich konnte beginnen. Zuerst rief ich aber noch meinen Freund Lu an.
Lu war nie zu Hause. Nicht weiter verwunderlich, wenn man weiß, daß er nicht existiert. Er hatte aber einen Anrufbeantworter und ich mußte ihm unbedingt von meinem Erfolg berichten. Als das erledigt war, nahm ich das Fischnetz und legte es auf der Schreibtisch, wo es auch jetzt noch ist.
3
Jedes Geheimnis dient dem Wahnsinn. Einfach so. Man kann zwar versuchen schneller zu sein, aber nur in den seltesten Fällen gelingt es.
Viele dachten, und andere denken es noch, daß Ausdauer den Weg zum Erfolg ebnet. Aber, sagen Sie, ist Ausdauer schneller als der Zeiger auf meiner Armbanduhr? Kaum, denn wäre es so, würde ich mich nicht verstecken müssen.
Ich war gewiß nicht ungeduldig. Ich ging sehr vorsichtig zu Werke. Man kann mir nicht den Vorwurf machen, ich hätte übereilt gehandelt. So einfach ist das nicht. Es gibt nur eine richtige Frage und ich warte. Ich kann es mir leisten, denn ich bin unauffindbar.
Ich nehme zwar nicht an, daß mein Warten belohnt werden wird, aber ich bin geduldig. Hätte ich jemanden, der für mich die Sekunden zählt, ich wäre sehr dankbar. Ich würde es ihm auch lohnen.
Meine Lage ist allerdings weitaus anders. Ich bin alleine und die Zeit verrinnt unbemerkt. Ab und zu muß ich schlafen. Das erhöht das Risiko zwar um ein Vielfaches, aber ich kann es mir nicht aussuchen. Die Zeiten der unbegrenzten Auswahl waren schon vor meiner Kindheit vorbei. Man nimmt, was einem angeboten wird. Langes Überlegen wäre fatal. Ich kann ein Lied davon singen; mit dem geeigneten Partner vielleicht sogar zweistimmig - ich ahne so etwas. Grandios wäre es, einen Chor zusammenzustellen, manchmal träume ich davon.
Ausverkaufte Konzerthallen, in denen das Publikum eine stehende Ovation nach der anderen gibt, zur allgemeinen Belustigung der Choranten, die es besser wissen.
Insgeheim bewundere ich die Leute im Publikum, denn es erscheint mir eine übermenschliche Leistung, nicht sehen zu können. Begreiflicherweise aber wissen sie nichts von ihrer Leistung und preisen den hervorragenden Chor der Leidgeprüften.
4
Die Berichte kommen zahlreich und aus aller Welt. Ein professionell organisierter Kurierdienst liefert sie mir nach einem ausgeklügelten System jeden Monat paketweise.
In meinem Unterschlupf habe ich noch keine Computer und muß daher zwischen beigegrauen Aktenschränken leben. Ich könnte natürlich Lack besorgen lassen um die gräßlich entmutigende Farbe zu überdecken, aber wohin solange mit den gebündelten Berichten. Es sind inzwischen schon mehrere Tausend von ihnen.
Ich glaube aber auch, daß mit der Zeit der Inhalt der Schränke auf jede noch so optimistische Farbe übergehen würde. Entmutigendes Rot oder Grün. Ich kann darauf verzichten.
5
Es wäre an der Zeit die Gründe für meine Flucht zu offenbaren. Ich fürchte mich jedoch. Es ist nicht leicht nach so langer Zeit des Schweigens wieder zu sprechen. Nicht die Worte sind schwer zu formen; einige Mühe würde es zwar zu Anfang bereiten, aber ich scheue sie nicht. Es sind die Gedanken, die mir Probleme machen.
Ein Schweigender denkt anders als ein Sprechender. Die innere Ordnung existiert nur, wenn man das Sprechen gewohnt ist. Was ich denke entzieht sich den grammatikalischen Gesetzen, läßt sich nicht in Haupt- und Nebensätze gliedern.
Ich frage mich nicht: Warum bin ich geflohen. Ich durchlebe vielmehr die Situationen, die dazu geführt haben, und stelle fest, daß es nich anders möglich war.
Ich vermag nicht daraus Sätze zu formen, Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe. Es wäre, als wollte ich ein Kunstwerk in seine einzelnen Elemente zerlegen und aneinanderreihen. Danach wäre es nicht mehr es selbst, höchstens noch eine Ahnung von sich.
Ich kann mich nicht mitteilen; gerade das ist auch ein Grund warum ich alleine bin. Der einzige Kontakt zur Außenwelt sind die monatlichen Berichte, die meine Arbeit darstellen.
6
In der letzten Zeit flackert das Licht oft. Manchmal länger, manchmal kürzer. Es steckt kein erkennbares System dahinter.
Zuerst ließ ich mich von dem Flackern nicht stören und arbeitete ohne Unterbrechung weiter. Später beunruhigte es mich doch und ich begann die Intervalle genauestens zu notieren. Genaue Uhrzeit, Dauer und Intensität. Für die Intensität entwickelte ich eine spezielle Skala bestehend aus den verschiedenen Rythmen des Flackerns und der Helligkeit, die die entsprechende Lampe ausstrahlte.
Die Werte trage ich in eine Tabelle ein. Wie gesagt liegt dem Flackern scheinbar kein System zugrunde. Wenngleich ich wichtige Zeit dafür benötige, werde ich meine Untersuchung fortführen. Es muß ein System geben, es gibt immer ein System, für alles.
7
Der Pelikan ist endlich in seien Teile zerlegt. Es ist wahr: Er hat nie Lu Winkler geheißen. Ein Fehler im System vermutlich, aber ich zweifle noch.
Ein solcher Fehler kommt zu selten vor. Man muß vorsichtig mit seinem Urteil sein. Ein falsches Urteil gegen ein richtiges austauschen kann nur ein Spezialist und Spezialisten sind teuer. Es ist zwar ein Posten für solche Ausgaben im Etat vorhanden, bevor aber jede Instanz Stempel und Stempelkissen gefunden hat, verstreicht wertvolle Zeit. Ich will mich nicht unnötig in Gefahr bringen.
Lieber noch einmal alles durchdenken und die Tabellen zu Hilfe nehmen.
8
Das Telefon hat geklingelt.Ich fuhr erschrocken aus einem Traum hoch.
Ein rot-gelb karierter Strand, auf dem eine Gruppe von Lachmöven ein Theaterstück aufführte. Ich tippe auf Shakespeare, kann mich aber irren, da ich nicht besonders unterrichtet worden bin.
Die Nachricht auf dem Anrufbeantworter war von meinem Freund Lu. Äußerst wichtig: Die Akten mußten verschwinden. Kein Wort darüber warum.
Genau diese Situation war es, weshalb ich so oft Beklemmungen bekam. In äußerster Isolation arbeiten und nie wissen ob und wann die Resultate der Arbeit wieder aufhören würden zu existieren.
Die Akten sollten also weg. Den einzigen Sinn, den ich an dieser Aufforderung finden konnte, war, daß die Schränke weniger entmutigend werden könnten.
Und was soll aus mir werden, wenn die Akten fortgeschaft sind. Ein vergessenes Kind, das verstaubt zwischen den Seiten eines Familienfotoalbums kauert?
Sie würden sicher kommen um sich zu vergewissern, daß kein einziger Bericht mehr vorhanden war. Und sie würden bald kommen. Ihnen war nicht zu trauen, von Anfang an nicht. Die jahrelange Arbeit hat mich zwar zermürbt, aber sie hat auch meinen Verstand geschärft. Es war durchaus nicht unmöglich, zu entkommen.
9
Lus Wohnung stand leer. Jeder wußte das. Völlig leer; kein einziges Möbelsstück, kein Glühbirne nur das Telefon und der Anrufbeantworter, den man telefonisch abhören konnte.
Der, den ich Lu nannte, existierte nicht. Lu, mit Nachnamen Winkler, hatte ich mir ausgedacht und seine Wohnung gehörte mir.
10
Die halbe Wahrheit kennt jeder, denn sie ist käuflich. Die andere Hälfte ist gefährlich. Man kann ihr sterben oder aber langsam zugrunde gehen, was zum Ende auf das Gleiche herausläuft, wie man mir sagt.
Es gibt eine Geheimorganisation, die mächtiger ist als alle Regierungen der Welt zusammengenommen; ihre Mitglieder sind fortlaufend durchnummeriert. Das war die eine, die käufliche Hälfte. Über die andere Hälfte erfährt man nirgends ein Wort; sie ist ein wohlgehütetes Geheimnis, das an einem unauffindbaren Ort in beigegrauen Aktenschränken aufbewahrt wird.
Die Order war unmißverständlich. Ich, der Hüter des Geheimnisses, sollte es vernichten, restlos. Zwei Kanister, randvoll gefüllt mit Benzin, das älter war als ich, standen auf den Aktenschränken.
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Der Pelikan, der sich Lu Winkler nannte, war mein Todesengel gewesen. Ich hätte es erkennen müssen. Stattdessen hatte ich das Zeichen falsch gedeutet. Es hatte damals allein in meiner Hand gelegen.
Wie überaus klug ich mir vorgekommen war ihn durchschaut zu haben; und tatsächlich war ich nur unfähig gewesen zu begreifen. Ich hätte Nummer Null werden können, mit uneingeschränkten Befugnissen. Ich hätte alles gewußt und jeden gekannt. Meine jahrelange Einsamkeit wäre belohnt worden.
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Ich habe mich nie um diesen Posten beworben; ich konnte mir nicht einmal vorstellen worin die Arbeit bestehen könnte.
Es ist schwer zu begreifen, aber ich habe es mehr als ein Spiel angesehen, ein Spiel, das mich durch die von allen Seiten zur Schau getragene Ernsthaftigkeit zum Lachen reizte.
Wo hatte es angefangen, frage ich mich, über den breiten Schreibtisch gebeugt und drehe die Streichholzschachtel* (*die Verwirrung zu mindern) unablässig um.
Vor mir liegt ein Stoß karierter Bögen, die Tabellen, der Versuch das Flackern der Lampen meinem Denkmuster anzupassen. Die Zahlenkolonnen sind etliche Male wieder und wieder miteinander verglichen, kombiniert und in Beziehung zu mathematischen Formeln gesetzt worden.
Es ergibt keinen Sinn. Flackerndes Licht, flackernde Gedanken, Unruhe des Herzens. Ich habe mich in jeder Hinsicht bemüht, nachdem ich verstanden hatte, daß selbst das lächerlichste Spiel ernstgenommen werden muß.
Blecherne Aktenschränke füllen, Berichte ordnen und mit neu eingetroffenem Material vervollständigen - meine Arbweit. - ,
Nach Lachen ist mir selten zumute. Gewiß, die Berichte entbehren oft nicht einer gewissen Komik. Erst nachdem ich die Schubladen umsortiert hatte, wurde ich nüchterner und ernst.
Ich hatte die Schublade langsam zurollen lassen und zog sie wieder auf. Nur ein Griff, beliebig, amüsante Lektüre, alphabetisch und nach Schlagworten archiviert. Erheiternd war es nicht. Dies ist die Geschichte der Menschheit, sage ich mir, und ich weiß bescheid über jeden, der noch lacht.
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Es ist noch früh, der Wind pfeift mir kalt ins Gesicht, aber das ist selten anders. Ich sehe hinab. Das dort unten liegt lange zurück.
Ich könnte sagen ich habe mich hochgearbeitet, doch ich weiß, es ist nicht wahr. Ohne mir darüber im Klaren gewesen zu sein, bin ich hier herauf geflohen. Ziellos, planlos habe ich getan was notwendig war. Ob es Jahre waren oder nur Augenblicke, ich könnte es nachschlagen.
Noch gibt es die Möglichkeit; es ist noch nichts verbrannt. Wie lange wird es so bleiben.
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Seit Tagen schon keine neuen Berichte mehr. Alles deutet darauf hin, daß das Spiel beendet ist. Ruhelos sitze ich im Büro. Lu Winklers Akte ist das Einzige womit ich mich beschäftige. Eigentlich lese ich sie, schaue mir das Photo an und immer hoffe ich endlich doch etwas bisher Übersehenes zu finden. Das darf nicht wahr sein.
Die Mühe hätte ich mir sparen können. Blind für das Offensichtliche, hatte ich seziert, eine Untersuchung begonnen und sogar noch die Tabellen studiert Wie konnte ich so dumm sein.
Es gibt immer ein System und keinen Fehler darin.
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Habe ich letztendlich doch noch begriffen, worin der Sinn meiner Arbeit bestand?
Alleine, hoch oben auf dem höchsten Dach, verborgen hinter metallenen Jalousien, habe ich länger als drei Jahre ausgeharrt und gedacht eine Aufgabe zu haben, eine Pflicht zu erfüllen.
Ich habe die Berichte gehortet, das Geheimnis gewahrt, habe immer alles gewußt und mich nie gefragt was die Macht der Geheimorganisation, der ich diente, ausmachte.
Seltsame Rituale bestimmten mit ihrer verworrenen Sprache meinen Alltag. Ich hatte der Religion abgeschworen um weiterhin glauben zu können. Nie kam mir der Gedanke, Glauben sei sinnlos, denn ich wußte nicht von meinem Glauben, der insgeheim jeden Flecken meiner Welt bedeckte.
Wenn ich vor meinem Büro auf dem Dach stand und mich am Geländer festhielt, konnte ich kilometerweit über den großen See blicken. Der Lärm des Feierabendverkehrs war eine säuselnde Melodie, wenn er bei mir ankam. Nichts verband mich mit der unteren Welt. Selbst die Berichte und die Nachrichten auf Lus Anrufbeantworter stammten nicht von dort. Der Anrufbeantworter, die eine Telefonnummer, die einzige, die ich mit meinem Telefon ereichen konnte, sie verband mich immer wieder nur mit der unglaublichen Welt, die ich mit mir in dem kleinen Penthouse aufbewahrte.
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Immer noch die gleichen Worte. Ein unmißverständlicher Befehl, warum aber waren sie nicht gekommen.
Vernichten. Benzin in Kanistern, Streichhölzer. Dreihundert Meter über der bewohnten Welt und der Aufzug groß genug für höchstens ein krabbelndes Kind.
Mein geheimer Aufenthaltsort sollte eine Falle sein. In den ersten Monaten ein sicheres Versteck, spürte ich bald, daß es zu einem Gefängnis wurde und schließlich offenbarte sich das Penthouse als das was es vom ersten Tag an gewesen war: Hoch über der Stadt, unerreichbar für das menschliche Auge, war die Verwaltung des Bösen untergbracht.
Dort arbeitete ich mit dem Bewußtsein einer fehlenden Alternative unverdrossen und pflichtschuldigst - wem auch immer gegenüber - weiter an meiner endlos scheinenden Aufgabe.
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Träume. Pelikane mit geschärften Krallen kreisen über mir, in ihren Schnäbeln tragen sie Kinder, deren rotglühende Augen mich flehend ansehen.
Ich renne ins Büro, reiße alle Schubladen auf, suche verzweifelt nach der Akte Lu Winkler. Die Zeiger auf meiner Armbanduhr drehen sich zu schnell als daß ich sie sehen könnte. Wütend darüber, die wertvollen Papiere nicht zu finden, stoße ich die Aktenschränke um und gieße das Benzin aus.
Was für ein wohltuender Duft, ich schwebe langsam über einem endlos wogenden Meer aus Orangenblüten. Die Vögel flüstern mir geheimnisvolle Weisheiten. Das alles ist nicht das erste mal; vor langer, langer Zeit spielten die Flammen schon so. Reckten sich empor und wiegten sich im Takt einer uralten Musik.
Blechern schreien die Hörner ihre Melodie, saugen sie ein bis sie platzen und als gläserner Hagel auf die zu tausenden umherschwirrenden Cymbeln prasseln.
Das goldene Rasseln scheucht die Vögel auf. Sie fliegen hektisch mit den Flügeln schlagend in das glitzernde Meer hinein, nichts bleibt übrig, nur ein rußgeschwärzter Himmel ohne Sterne.
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Ist es also wieder so weit. Fliehen; wie lange ist es her. Manchmal glaube ich, daß es lediglich ein Traum war. Immer war ich hier, nie war ich Kind; es gibt keine Vergangenheit und die, die ich als meine Eltern glaubte, sind nur Figuren aus einem eingestaubten Roman, den ich nur vage erinnere.
Das Leben wird anders sein. Es muß. Erneut würde ich es nicht ertragen; das wovor ich geflohen war, würde mich doch noch in die endgültige Hilflosigkeit treiben.
Nein, diesmal nicht. Ich werde den Einflüsterungen nicht erliegen. Standhaftigkeit, gerade im Kleinen, diese Auszeichnung kennzeichnet den einsichtig gewordenen Selbstmörder. Mag es auch sein, daß eine Verwechslung dazu führt von Starrsinn zu reden, wer kann es schon wissen.
Ich sehe die Augen vor mir: Das sind menschliche Augen, die unaufhörlich das alltägliche Leid widerspiegeln. Kleine Ungerechtigkeiten, Schmerzen im Rücken, die widerwillig belächelten Eitelkeiten. Wieviele Augen, die Worte der Lüge bezichtigen, ich bin nicht blind. Die Nerven; die Nerven werde ich trainieren, bis sie eingelullt schlafen. Sie sollen mich nicht weiter belästigen. Ja, es wird anders sein. Ich werde nicht wiederzuerkennen sein; die Hände, die überrascht nach mir greifen, werden ihre selbstverständliche Ausdruckskraft verlieren. So getäuscht zu werden, damit haben sie nicht gerechnet. Ihre freundliche Höflichkeit oder höfliche Freundlichkeit fällt ins Leere; ich bin ein Geist. Der, den sie kannten, hat gelacht und es wieder verlernt. Der, der da wie aus dem Nichts wieder auftaucht, hat in der Geschichte der Menschheit gelesen. Das Lachen wird in den Adern gefrieren.
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Und fernab von alledem sitzt einer, denkt sich das aus. Kleine Zettel schreibt er, drückt sie den Vorbeitaumelnden in die Hand; grinst dabei blöde.
Auf seine Weise ist er allwissend. Wenn er jemanden anspricht, geschieht das beinamhe beiläufig, als habe er etwas ganz anderes im Sinn. Womöglich ist die Zerstreutheit sein bester Trick; die Worte lassen jeden innerlich zusammenzucken. Woher, fragen sie sich, kann dieser alte Krüppel, halb blind und lahm, das wissen. Und stets bleibt der Weise vage genug um die versteckte Andeutung schnell wieder vergessen zu lassen. Die Unruhe bleibt. Der eine Satz, die wenigen Worte, werden wieder auftauchen, zu den unpassendsten Augenblicken.
Etliche Male mag es gelingen, zu behaupten, an nichts gedacht zu haben. Bloß, immer geling es nicht. Die Worte kommen wieder hervor; die Zeit ist lang.
Sorgfältig organisierte Lebenspläne werden brüchig und mit dem Bröckeln der Gewißheit beginnt ein Schutthaufen aus Fragen zu wachsen. Fragen, die keine Antwort finden.
Geisterhaft schwirren sie durch dunkle Gänge; ihr verzweifeltes Antlitz schreckt uns aus dem Schlaf. Wir kennen das Entsetzen, den einen Namen schreien wir in die Nacht hinein. Ja, der Alte hat unsere Schreie gehört - nicht daß er sie gezählt hätte - sehr genau hat er jedesmal zugehört, nur um sich sogleich enttäuscht wieder seinen Zetteln zuzuwenden.
20
Als ich ihn das erste Mal traf, spielte er mit anderen Kindern im Sandkasten. Nach dem Mittagessen hatte ich einen Spaziergang unternommen und mich dann mit einer Zeitung in den Park gesetzt. Es war noch ein wenig Zeit, bis ich mich auf den Weg zur Arbeit machen mußte. Lustlos las ich die Überschriften, fing einen Artikel an und war mit den Gedanken irgendwo anders. Weder auf die Lektüre noch auf das Muster meiner Gedanken achtete ich genauer, bis ich kurzentschlossen die Zeitung zusammenrollte und zum Spielplatz hinüberschaute.
Zuerst merkte ich es nicht, aber je länger ich die Kinder auf den Schaukeln und an den Klettergerüsten beobachtete, desto sicherer war ich mir, daß etwas anders war als sonst. Während einige der Mütter wie ich in einer Zeitung blätterten und auch darin nicht den Sinn des Lebens fanden, schrien und tobten die Kinder auf eine merkwürdige Weise über den Spielplatz.
Alles was sie taten, schien einem unsichtbaren Plan zu gehorchen. Wenn sie auch durch den Sandkasten rannten und vom Gerüst sprangen, zu einem anderen Kind liefen und dann zu den Bänken gerichtet einen Schrei ausstießen, das alles war nich bedenkenlos und leichtfertig. Stets schienen sich die Mädchen und Jungen zurückzuhalten. Ein-, zweimal bemerkte ich ihre Blicke untereinander. Sie wußten ganz genau was sie taten. Am meisten überraschte mich ihre Einigkeit.
Dann geschah es: Ich dachte, das hätte ich schon einmal erlebt; die Situation kam mir seltsam vertraut vor. Bevor ich jedoch dazu kam diese Empfindung genauer einzuordnen, ließen mich ein paar Worte, von denen ich später nicht mehr sagen konnte ob ich sie wirklich gehört hatte, zusammenzucken. Eine hohe Kinderstimme hatte entschlossen 'und nochmal' gerufen. Die Schritte der Balancierenden, das Lachen des Mädchens auf der Rutsche, die Griffe der drei raufenden Kinder, alles wiederholte sich genauso wie ich es gerade erts vor wenigen Augenblicken gesehen hatte.
Ich glaubte zu träumen. Die Frauen um mich herum hatten nichts bemerkt. Das konnte nicht sein sagte ich mir und ich getraute mich nicht, den Blick wieder den Kindern zuzuwenden. Verzweifelt klammerte ich mich an meine Zeitung, zerknüllte sie.
In meiner wortlosen Verblüffung hatte ich weite Entfernungen zurückgelegt; körperlos durchmaß ich die Strecken meines Geistes auf der Suche nach einem passenden Puzzleteil. Ein einziges hätte genügt die Verwirrung zu mindern. Während ich mich zaghaft den Grenzen meines Verstandes näherte, wurde ich einer Veränderung in der realen Welt gewahr, die ich nur verschwommen einzuordnen wußte.
Ein kleiner Junge stand mir gegenüber. Verständnislos sah ich durch ihn hindurch hinter die Grenzmarkierungen; sonnengeblendet blinzelnd erkannte ich jenseits einen Spielplatz. Ich sah spielende Menschen, sah ein Kind ganz nah, und schaute. Da ich saß, hätten wir uns in die Augen sehen können. Mein unruhiger Blick tastete jedoch nur das Äußere ab, die abgewetzten Knie, sandig-stumpfe Turnschuhe mit geflickten Senkeln, Kratzer im Gesicht, Schmutzflecken. Soviel ich auch meiner Beobachtung hinzufügte, es wurde nicht genug um darüber die unmittelbare Präsenz des Jungen zu vergessen.
Er sagte nichts, blickte mich nur weiter an - ich an ihm vorbei - bis ich begriff, daß ich zuerst sprechen mußte.
'Nun, was willst Du', sagte ich und wagte dabei den Blick in die Augen meines Gegenübers. Hätte ich das nur nicht getan. Vielleicht wäre alles anders gekommen. So sah ich aber in die Augen des Kindes und erkannte in ihnen die Welt.
'Ist das die Welt', fragte der Junge ich bildete mir ein, daß er dabei auf die Zeitung, die ich immer noch fest umklammert hielt, zeigte.
Da war es schon wieder vorbei; dennoch schien das alles nur ein Spiel gewesen zu sein, wie die Aufführung auf dem Spielplatz. Das hatte etwas zu bedeuten - für mich. Möglicherweise war es ein Rätsel, vielleicht auch eine Aufgabe - oder eine Antwort.
'Ist das die Welt'; wiederholte ich tonlos unsicher, suchte nach einer Antwort, als eine Frauenstimme sich in meine Gedanken mischte. Sie rief hinter ihrer Zeitung hervor und mir war nicht klar, wen sie meinte.
'Du sollst doch die Leute nicht belästigen. Komm mal schnell her zu mir.'
Beinahe wäre ich aufgestanden um loszurennen, da lief der kleine Junge aber schon zu seiner Mutter. Es war wie es sein sollte; die Verhältnisse geklärt. Leute, Junge, Mutter - jeder hat eine Platzkarte. Ein Leben lang wirst du ermahnt, bevor du tatsächlich des Platzes verwiesen wirst. So dachte ich schnell, während die Frau, den Arm ihres Sohnes festhaltend, mit zusammengekiffenen Augenbrauen auf den Jungen einredete. Ich kannte das genau und ich wußte, daß es zwecklos war den Jungen beschützen zu wollen.
Die Welt ist rund; wenn du lange genug geradeaus gehst, kommst du wieder nach Hause. Als der Junge aus dem festen Griff entlassen worden war, rannte er zurück zum Sandkasten und schaute mich über die Schulter hinweg noch einmal verschwörerisch an - oder bildete ich mir auch das nur ein? Ich raffte mich auf und sah vor der Parkbank einen kleinen weißen Zettel liegen. ich bückte mich danach, streckte die Hand nach ihm aus und ließ ihn dann liegen. Ich weiß was darauf geschrieben stand: Immer geradeaus.
Ich drehte mich nicht um. Den Blick des Jungen spürte ich noch lange hinter meinen Augen.
21
Lange habe ich nicht mehr an jenen Mittag im Park gedacht, doch ich entsinne mich als sei es gestern gewesen.
Der Anfang meiner Flucht hier hinauf in die Katakomben des Himmels, an ihn kann ich mich viel weniger erinnern. Es mag sein, daß es auch ihn niemals gegeben hat, den Anfang. Es hat aber Tage gegeben, an denen mir bewußt war, daß ich fliehe, vor irgendetwas nicht genau zu Benennendem. Nur die Frage, ob was ich erlebte die Welt sei, tauchte immer häufiger auf.
22
Es ist so weit. Länger bleibe ich nicht. Und ich weiß wohin ich gehen werde. Das reicht mir. Fürs Erste.
Man könnte meinen, ich hätte meinen Rückzug vom ertsen Tag an geplant. So schnell wird es gehen. Meine Bewacher werden sich wundern, wenn sie das ausgebrannte Penthouse durchsuchen kommen.
Später werden sie sich eventuell fragen woher ich das Werkzeug hatte, später wenn nichts mehr zu retten ist. Mächtiger als alle Regierungen der Welt zusammengenommen; im Großen vielleicht, doch wenn es um die unbedeutenden Kleinigkeiten des Lebens geht, unfähig.
Natürlich haben sie mir das Werkzeug mit gerade dem Aufzug hinaufgeschickt, den ich damit in seine Einzelteile zerlegen werde. Natürlich haben sie nicht an meiner Loyalität gezweifelt - zu Recht, wie ich meine.
Nur die wiedererwachende Religiösität war ihnen entgangen. Sie hatte sich nie die Mühe gemacht, mein klagloses Ausharren kritisch zu betrachten. [Sie hatten es versäumt das Kleingedruckte zu lesen, ein Kardinalfehler, der sich früher oder später immer bemerkbar macht.] Ich war so angenehm einfach für sie; fragte nie, nahm die Rituale des Eingesperrtseins hin, fand mich in ihre rätselhafte Sprache, schließlich akzeptierten sie mich bedenkenlos als einen der Ihren.
War das ein Fehler?
Es wird schon ein Fehler gewesen sein, sage ich mir während ich die Wandverkleidung des Fahrstuhls abschraube, wenngleich ich mich daran erinnere, daß es in diesem System keinen Fehler gibt. Doch klingt diese Formel nicht mehr so überzeugend. Wahrscheinlich habe ich sie zu oft während der Arbeit vor mich hin gemurmelt und nun ist sie abgenutzt und an den Kanten eingerissen wie die Seiten eines alten Poesiealbums, dessen Weisheiten keine Sicherheit mehr geben.
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Mein Satz lautet: IMMER GERADEAUS!' Dazu fällt mir vielerlei ein. Nicht das Richtige, aber immerhin fällt mir eiwas ein. Ich denke mir beispielsweise die Welt als eine Kugel, versuche eine Erklärung dafür zu rekapitulieren. Ich denke an ein styroporenes Planetenmodell in der Planetariumshalle, neben dem Kinder zu ihren altklugen Eltern aufschauen. Ich stelle mir vor, Gedanken sind wie zähe Fäden langezogenen Kaugummis. Und chewing-gum ist ein amerikanisches Wort für eine amerikanische Erfindung und die erste Glühbirne hatte keine Ähnlichkeit mit einer stilisierten Frucht und Amerika ist der große Bruder, dem wir verzweifelt nacheifern ohne zu wissen welche Beklemmungen ihn plagen.
Später wird die Geschichte der Menschheit in der ungekürzten Ausgabe veröffentlicht werden. Ein Band nur, und nur wenige Kapitel - nichts wird ausgelassen, Wiederholungen peinlichst vermieden. Ziemlich in der Mitte wird zu lesen sein: 'Immer geradeaus!', und Lu Winkler wird im Anhang zitiert werden. Sein Wort vom Ende der Welt aufgrund der niemals endlosen Vorstellungskraft stehe in enger Verbindung zu dem gescheiterten Versuch die Welt schriftlich zu fixieren.
Und wer wird ahnen, daß der Konjunktiv in diesem Fall ganz und gar nicht angebracht ist!
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07.11.2025 - 14:37:40