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Vera hatte den ganzen Abend an der Garderobe gestanden und von aufdringlichen geschminkten Damen protzige Pelzmäntel entgegengenommen. Die dazugehörigen Herren hatten ihre Burberrys, ihre Trenchcoats und Ledermäntel wohlweislich im Wagen gelassen.
Mit einer Hand leger in der Hosentasche, standen sie ein wenig abseits. Weltmännisch warteten sie auf ihre Gattinnen. Gelegentlich lächelten sich einige der Paare zu. Sobald die jeweilige Dame sich aber wieder der gerade in der Nähe stehenden Freundin widmete, wanderte der prüfende Kennerblick zu den Garderobieren.
Vera hatte sich oft gefragt, was in den Köpfen dieser Männer vorgehen mochte. Unentwegt gafften sie ihren Busen an; daß sie ebenfalls ihren Hintern anglotzten, konnte sie nur ahnen. 'Womöglich', dachte Vera, 'stellen sie Vergleiche an. Sie werden sich fragen, ob sie eine gute Wahl getroffen hatten.'
Wenn allerdings wieder ein Pelz abgestreift wurde, zweifelte sie daran.
Manche der zum Vorschein kommenden Abendkleider ließen derart tief blicken, daß Vera ihren Aufzug im Vergleich dazu als prüde und zugeschnürt empfand.
Gewöhnlich blieben die Blicke im Rahmen des Erträglichen. Vera konnte darüber während der Vorstellung, wenn nichts zu tun war, Witze machen.
An diesem Abend war Veras Maß für das Erträgliche besonders gering. Eigentlich hatte sie absagen wollen. Normalerweise war das schon möglich, aber gerade an diesem Abend war kein Ersatz mehr zu finden gewesen. Und gerade dieser Abend war der erste Abend nachdem sie sich verliebt hatte.
Er hieß Günther und behauptete Fotograf zu sein. Sie hatten sich im Café Backwahn kennengelernt und Vera hatte sich sofort gesagt: 'Den will ich haben!' Damit die Chance nicht vertan war, hatte sie sich gleich für den Abend eingeladen, unverbindlich und aus echtem Interesse. Immerhin hatte er gesagt, er sei Fotograf. Im Laufe ihres Gesprächs hatte Vera zwar festgestellt, daß Günther, wie er sich vorgestellt hatte, eher Fotograf sein wollte, als daß er es war, aber ihretwegen konnte er auch Metzger sein. 'Solange er Zeit für mich hat, soll es mir recht sein', sagte sie sich.
Er hatte ihr seine Adresse gegeben und versichert, er würde sich über einen Besuch freuen.
Nun lief Vera wieder zwischen den aufgereihten Mänteln umher und dachte daran, wie sehr sie sich über einen Besuch bei Günther gefreut hätte.
Beim Anblick der feisten Männer, die sie ungeniert anstarrten, konnte Vera diesmal nicht vor sich hin lachen. Es war ihr zuwider. 'Konnten sie denn nicht wenigstens einmal an etwas anderes als an Titten und Ärsche denken?' Oder wenn schon, dann eben an die ihrer Gattinnen.
Die aufgemotzten Weiber gingen Vera ebenfalls auf die Nerven; sicherlich hatten sie zu Hause eine Köchin oder sogar eine Haushälterin, anders war ihr hochnäsiges Verhalten (Benehmen) nicht zu erklären.
Viel mußte nicht mehr geschehen und Vera würde platzen.
'Ach, könnten Sie mir meinen Mantel bitte noch einmal bringen, ich muß mein silbernes Zigarettenetui vergessen haben.' - 'Was ist denn noch?' - 'Aber die Nummer haben Sie doch in der Hand.' - 'Sind Sie sich wirklich sicher, daß es nicht meine ist?' - Aber es muß doch auch so gehen, der Fuchs dort hinten, das ist mein Mantel.' - 'Nun stellen Sie sich doch nicht so an.' - 'Liebling, sag Du doch mal was!'
Das war das Stichwort. Ihr Typ war also einer von denen, die ihre Geilheit unverholen zur Schau stellten. 'Liebling' hieß er auch noch. Wie um Veras Gedanken zu unterstreichen, klebte der Blick von Liebling an Veras Busen. Nicht mal ansatzweise unternahm er einen Versuch wegzuschauen.
Vera war betont kühl. 'Ist das Ihr Mann?' - 'Dann sagen Sie ihm bitte, er solle mal für einen Augenblick meinen Busen vergessen und sich verpissen.'
Das war es. Bei den letzten Worten war Veras Stimme angeschwollen; was danach kommen sollte, konnte Vera schon sehen, als sie noch gesprochen hatte. Die feine Dame bekam ihren Mund erst gar nicht mehr zu, aber Worte hatte sie so oder so nicht für eine derartige Unverschämtheit. Der ertappte Gatte, Liebling, lief rot an (erst vor Peinlichkeit, dann vor Aufregung) und schrie fluchend rum (das Einzige was ihm zur Vereteidigung seiner Ehre einfiel).
Unberührt von alledem stand Vera hinter der Theke und ließ die Beschimpfungen an sich abprallen. Da sie wußte, was unweigerlich geschehen mußte, wartete sie geduldig ab bis Frau Weichholdt, die Garderobenaufsicht, kam.
Freundlich wie immer versuchte Frau Weichholdt zu vermitteln, nur diesmal gab es nichts zu vermitteln; die Positionen waren klar. Genauso klar war der Ausgang der Posse.
Nein, sagte Vera zu ihrer Vorgesetzten, es täte ihr nicht leid, wenn der Herr sich aber entschuldigen wolle, so wäre sie damit zufrieden.
Natürlich ein erneutes Aufbrausen, wildes Getuschel der Umherstehenden, teilweise sogar Schadenfreude. Vera konnte sich aussuchen wem sie galt, sympatisch war sie ihr nicht.
Der unausweichliche Abgang war das Wichtigste; Vera konnte nur hoffen, daß Frau Weichholdt nicht darauf verfallen würde, sie anzufassen. Angst vor einer Schlägerei hatte Vera nicht, aber es würde nur die Falsche treffen. Oder war Frau Weichholdt gar nicht die Falsche? Das mußte sich noch herausstellen.
Es hatte sich herausgestellt. Frau Weichholdt war nicht umsonst Garderobenaufsicht. Sie verstand es, Ruhe zu bewahren, peinliche Situationen zu überspielen und dabei immer freundlich zu lächeln. Auf gute mütterliche Art hatte sie Vera zugeflüstert, sie solle sich im Büro ausruhen; die Opernbesucher beschwichtigte sie gekonnt, nahm alles auf sich, entschuldigte tausendmal und versicherte, so etwas käme nie wieder vor. Auch ließ sie Vera nicht lange im Büro warten.
Sie verstünde doch sehr gut was Vera empfände, sei sie doch selbst eine Frau. Nur dürfe man es sich eben nicht anmerken lassen. Es sei ja alles nicht so schlimm, Vera könne sich später immer noch entschuldigen, das käme wieder in Ordnung, da sei sie sich ganz sicher.
Vera nickte still mit dem Kopf. Sie hatte es gewußt; es war ganz klar gewesen, auf welcher Seite Frau Weichholdt stand. 'Ja, ich kann Sie verstehen. Aber da ist eben der Unterschied zwischen Ihnen und mir. Sie sind auf diese Arbeit angewiesen und ich kann mir schnell einen anderen Job suchen':
Die Wohnung war über und über mit Fotos tapeziert. Günther legte jedoch Wert darauf festzustellen, daß er sie nicht alle selbst gemacht hätte. Vera war begeistert; nicht so sehr von den Fotos, die sie in solch einer Fülle nur erschlugen, vielmehr von der Wohnung. Das war genau wonach sie immer gesucht hatte.
Ein ausgebauter Dachstuhl, schräge Wände und - keine überflüssigen Türen, keine Zimmer, die in ihrer Viereckigkeit stets an ausgehöhlte Bauklötze erinnerten.
Mitten in dem großen Raum, an einen Dachpfeiler angelehnt, stand ein Herd; die Spüle war gleichzeitig Waschbecken und die Badewanne verkroch sich halb hinter dem Kaminschacht.
05.11.2025 - 22:48:40