Ein Blick durch das Badezimmerfenster
 

1. Der Abschied

 
Seltsame Menschen kamen plötzlich von überallher. Sie näherten sich Lu von hinten, gingen an ihm vorbei und fanden sich zu murmelnder Unterhaltung in Gruppen zusammen.  
Hin und wieder erkannte Lu Bekannte, die er glaubte aus den Augen verloren zu haben. Wenn er sie erblickte, wurde ihm warm ums Herz und er fühlte sich bald zu dieser, bald zu jener Runde hingezogen.  
Mit dem bangen Gefühl des Wiedererkennens entdeckte er in einiger Entfernung eine Freundin seiner Schulzeit. Er machte einen zögernden halben Schritt in ihre Richtung, hielt dann aber inne. Ihm war, als habe er hinter sich die Stimme eines amerikanischen Freundes gehört, der ihm wie ein Vater gewesen war.  
Als er sich nach der vertrauten Stimme umdrehte, fuhr ihm auf Rollschuhen eine Klassenkameradin aus der Grundschule entgegen. Er erinnerte sich noch, als sei es gestern gewesen, wie gerade jene Klassenkameradin wütend auf ihn geworden war, weil er beim Spielen auf dem Schulhof einen ihrer Strümpfe zerrissen hatte. In Gedanken sah er sie wieder mit vor Wut funkelnden Augen vor sich und wunderte sich, daß sie ihm nun zulächelte und freundlich mit den Augen zwinkerte.  
Ehe er noch zurückwinken konnte war sie schon wieder in der Menge verschwunden.  
Wie Lu sich auch drehte und wandte, immer sah er sich einer Gestalt aus dem vorbeigelaufenen Leben gegenüber. Lehrer aus der frühen Zeit an der Schule winkten ihm zu; jene Schlachtersfrau, die ihm so oft eine gerollte Scheibe Fleischwurst in die kleine Hand gedrückt und dabei vor ihm in die Knie gegangen war, schaute zu ihm hinüber; ältere Schulkameraden, zu denen er hinaufgeschaut hatte, klopften ihm freundschaftlich auf die Schulter; Bekanntschaften, die nicht länger als zwei Wochen gedauert hatten, liefen ihm über den Weg und der Säugling, der in einer Kinderkarre vor Lu auf dem Gehweg entlanggeschoben worden war, saß noch immer freudestrahlend unter seiner grün-gelben Decke und nuckelte an einem Schnuller, den er alle naslang verlor.  
Diese und noch viele mehr standen plaudernd in der großen Halle zusammen. Hätte Lu sich entscheiden können, wäre er am liebsten endlos hinter dem kleinen Kind in der Karre hergelaufen. Die großen Augen waren so erstaunt, als ihrer beider Blicke sich trafen. Die Jahre, die sie voneinander trennten schienen zu Sekunden geschrumpft und Lu fühlte sich dem kleinen Kind näher als er sich jemals einem anderen Menschen gegenüber gefühlt hatte.  
Nur durch ihre Blicke, die nicht voneinader wichen, erwuchs ein stilles Verstehen. Es gab keine Sprache, nichts äußerlich Verbindendes, das so tief hätte wirken können.  
Es war durchaus möglich, kam es Lu später in den Sinn, daß jenes Kind Gott selbst gewesen war.  
Zu schnell aber war das Kind von seinem Vater weggetragen worden. Lu konnte ihnen nicht folgen. So sah er sich weiter um und ihm wurde bewußt, daß noch keiner dem anderen vorgestellt worden war.  
Wenn Lu auch seltsam verwundert war, die Gestalten seines bisherigen Lebens um sich herum versammelt zu sehen, so erinnerte er sich doch seiner Pflichten als Gastgeber.  
Er näherte sich einer kleinen Gruppe, um sie miteinander bekannt zu machen. Wie er sie dort in angeregter Unterhaltung versunken sah, empfand er eine merkwürdige Liebe. Eine tiefe stille Liebe, die keine Worte kennt, die allumfassend ist und niemals Bedingungen stellt. Nicht fremd wie jenes 'ich liebe dich', das Lu so oft gesagt hatte, wenn danach verlangt worden war, sondern unmittelbar zu ihm gehörend. Selten war ihm seine Liebe so stürmisch vorgekommen; es war als hätte sie sich im Verborgenen erst lange stärken müssen. Der Lärm der Welt übertönt die Liebe so leicht.  
Während er auf eine Pause, ein kurzes Stocken der Unterhaltung wartete, meinte Lu von seinem Gefühl überwältigt zu werden.  
Auf seinem Gesicht hatte sich ein Lächeln ausgebreitet, das sich wie von fremder Hand geformt frisch und neu und ungewohnt unter der Haut regte. Ein solches Lächeln hatte Lu bislang noch nie gefühlt. Frei von Anstrengung bildeten sich Fältchen, ohne daß ein Wille sie dazu aufgefordert hätte. Die Liebe begann in ihrer lautlosen Sprache zu sprechen; durch die vielen kleinen Muskeln erzählte sie ihre Geschichte von der Jahren stiller Abgeschiedenheit.  
Ein großer schlanker Mann, den Lu aus einer Kneipe kannte, in der er ein Jahr lang als Aushilfskellner gearbeitet hatte, erzählte mit weit ausholenden Gesten von einem Abend, der auch Lu in Erinnerung geblieben war.  
Kurz vor Mitternacht, nachdem schon etwas ruhiger geworden war, kam noch einmal ein großer Schwung Gäste herein. Lu bekam wieder zu tun und merkte darüber nicht, wie er beobachtet wurde.  
Der Gast auf dem Barhocker verfolgte die Versunkenheit, mit der Lu Bestellungen entgegennahm, er sah den lockeren Schritten hinterher und blickte gebannt auf die Hände, die mit einem frischen Geschirrtuch Weingläser polierten. Der einsame Gast nippte an seinem Getränk und stellte dabei verwundert fest, daß er selbst etwas von der Ruhe, die aus diesen Handbewegungen sprach, empfangen hatte.  
So hatte Lu sich niemals gesehen. Es klang ihm fremd und doch fühlte er sich geschmeichelt. Ein wenig verlegen lächelte er zu dem Mann hin, der beim Erzählen um sich blickte. Einige Male streifte sein Blick Lu kurz und wanderte dann weiter. Mehrere der Umherstehenden hatten schon das Wort ergriffen und ihrerseits zu den Anekdoten beigetragen, die bekundeten, welch ein Glück es sei, Lu vor so langer Zeit durch einen günstigen Zufall kennengelernt zu haben, als Lu noch immer zu ergründen versuchte, warum ihm von dem kurzen Blick so beklommen zumute geworden war.  
Etwas war in den Augen des wohlwollenden Gesichts gewesen, das Lu verwirrte. Er achtete nicht auf das Gemurmel, welches die große Halle wie mit einer leichten Musik füllte. Er hing der vorbeigehuschten Sekunde nach, in der seine Liebe an Kraft verloren und sich beinahe unmerklich zurückgezogen hatte.  
Was konnte es sein, das ihn in so kurzer Zeit entmutigt hatte? Lu wußte es nicht und es wollte ihm auch nicht einfallen. Es gab kein schnelles Erkennen, keine lpötzliche Einsicht - nicht einmal eine schlichte Ahnung löste sich aus der Stille, die Lus Gedanken umgab.  
Er wanderte in der Halle umher, weg von denen, die er eben noch hatte miteinander bekannt machen wollen. Mittlerweile war es wieder voll geworden; Leiber pressten sich aneinander vorbei, das Murmeln war zu einem Brausen angeschwollen. In dichten Schwaden hing über den Köpfen der gestikulierenden Menge.  
 
Auf einer kleinen Bühne, die er zuvor nicht bemerkt hatte, sah Lu einige Musiker ihre Instrumente auspacken. Er bahnte sich einen Weg durch die dichten Menschenmassen und mußte sich oft entschuldigen, da er in dem Gedränge schnell jemanden angestoßen hatte.  
Die so in ihrem Gespräch unterbrochenen waren nicht unfreundlich, doch sahen sie ihn nicht mit dem Blinzeln der Augen und der innehaltenden Drehung des Kopfes an, die dem beginnenden Wiedererkennen gewöhnlich vorausgehen.  
Man drehte sich zwar nach Lu um und gab ihm zu verstehen, daß man ihm den ungewollten Stoß nicht übelnahm, ein freundliches 'hallo' oder eine Einladung, doch einen Moment bei ihnen zu verweilen, blieben jedoch aus.  
Merkwürdig berührt setzte Lu seinen Weg fort. Lang vergessene Gesichter sah er dabei und zweimal zog sich sein Inneres zusammen, als eine ihm liebgewonnene Stimme ihn wie einen Fremden um Feuer für eine Zigarette bat.  
Je weiter er durch die dichtgedrängte Halle schritt, desto weniger wußte Lu, wie er dort hingekommen war. Einen Ausgang hatte er noch nicht entdecken können, doch weiterhin strömten Gäste begierig von irgendwoher zu der Menschenmenge.  
Lu hatte sich einem Stand genähert, an dem Weine und frischgezapftes Bier verkauft wurden, hatte einen leeren Tisch mit vier Stühlen gefunden und nahm Platz. Eingehend betrachtete er das Treiben um sich herum. Einem Lichtreflex folgend, sah er über den Dunstschwaden eine Galerie, von der Treppen in die kreisrunde Halle hinabführten.  
War die Halle wirklich rund wie eine Zirkusarena, fragte Lu sich; bislang hatte er gemeint, die Wände stößen zu einem Winkel aneinander. Auch die Decke schien ihm viel höher als vorher. Konnte es sein, daß sich die Halle verändert hatte? Vielleicht war er auf seiner Wanderung lediglich in einen anderen Raum gelangt und hatte es wegen der vielen Menschen nur nicht bemerkt.  
Aber außer den Treppen gab es keinen weiteren Zugang und eine Treppe, das wußte er mit ziemlicher Sicherheit, war er nicht herabgekommen.  
Ihm schwindelte; er meinte nicht bei Sinne zu sein, zu träumen. Langsam erhob er sich und verließ den ruhigen Platz an dem leeren Tisch.  
Er war sich nicht mehr sicher, ob wirklich er, Lu Winkler, Gastgeber dieser ständig wachsenden Gesellschaft war. Ein jeder der vielen hundert Anwesenden war ihm aus vergangenen Jahren bekannt, keiner schien ihn zu sehen. Er wurde zwar angesprochen, man sah ihn an, lächelte ihm auch schon zu, aber immer als sei er ein Fremder.  
Eben noch hatte er gemeint, unterhielten sich die Leute über ihn und er hatte nicht vermocht seine Zuneigung zu zeigen. Hatte er sich womöglich geirrt, war von einem Anderen die Rede gewesen und er hatte sich alles nur erträumt?  
Lu suchte aufgeregt nach einer Erklärung und gesellte sich zu einer Gruppe, die dicht beieinander stand und versuchte, sich über den allgemeinen Lärm hinweg zu verständigen.  
Ein kleines Mädchen mit kurzen dunklen Haaren sprach gerade. Den Hauch eines Lächelns auf den Lippen richtete sie sich an die Übrigen. In ihrer Stimme klang eine gewiße Melancholie mit, die aus dem Munde eines Kindes befremdlich war, so als hätte man zwar die Worte gehört, den darin verborgenen Sinn vernommen, doch letztendlich nichts verstanden.  
Gebannt musterte Lu das Mädchen und er erinnerte sich: In einer Turnstunde hatte die Lehrerin Sprintaue aus einer hölzernen Truhe genommen und unter den Kindern verteilt. Ziemlich zu Ende der Stunde, kurz bevor es schellte, hatten Lu und das Mädchen, dessen Name Susanne gewesen sein mag, sich eines der Taue geteilt.  
Später, auf dem Weg zum Umkleiden, waren sie in einen dunklen Gang gebogen, wo sie sich gegenseitig vorsichtig mit den Lippen berührten.  
Es war dieser schüchterne Kuß, von dem das Mädchen den anderen erzählte. Wie in einen Traum gehüllt, stand Lu geistesabwesend bei den anderen Zuhörern und konnte beinahe jenes eigentümlich fremde Kitzeln wieder auf seinen Lippen spüren.  
Sein Blick war ins Leere gerichtet und nur langsam kam ihm zu Bewußtsein, daß man ihn erwartungsvoll ansah.  
Hatte ihn jemand angesprochen?  
Den Blicken ausweichend, fragte Lu sich, was von ihm erwartet wurde. Gerade wollte er entschuldigend erklären, daß er nicht zugehört hätte, da sprach das Mädchen ihn an. Sie lächelte Lu verstehend zu und bat ihn, seine Geschichte zu erzählen. Lu wußte nicht gleich was sie meinte. Es hatte sich angehört, als gäbe es eine bestimmte Art Geschichte, die sie hören wollte, eine Geschichte, die zu dem was sie und die anderen erzählt hatten, passte.  
Er sagte, daß er erst eben dazugekommen sei und dahre nicht wüßte worüber sie sich unterhielten, er hätte deshalb auch sicherlich keine geeignete Geschichte parat.  
Es wurde gelacht, als habe er einen gelungenen Witz von sich gegeben, dann warteten die bekannten Gesichter wieder gespannt.  
Lu wollte ihnen die Laune nicht verderben. Er begann zu erzählen. Von einer Dampferfahrt mit seiner Patentante. Sie waren lange spazieren gegangen, hatte in einem kleinen Strandcafé eine Pause gemacht und dann beschlossen den Rückweg mit dem Boot zu fahren.  
Wie er so in den Erinnerungsfetzen nach Worten suchte, begannen seine Zuhörer zu tuscheln und sich Blicke zuzuwerfen. Lu fasste dieses Verhalten als Ausdruck von Langeweile auf und fügte schnell noch eine andere Geschichte an, in der er mit seiner Mutter auf einer Terasse stand und Sterne beobachtete, aber das Tuscheln wurde nur mehr. Lu schluckte einige Male und bevor er noch weiterreden konnte, unterbrach ihn eine Stimme: 'Aber das hat ja alles gar nichts mit Lu zu tun', sagte ein junger Mann, mit dem Lu vor einigen Jahren befreundet gewesen war.  
Lu begriff nicht. Er konnte aber nicht mehr nachfragen, denn unvermittelt hatten die Musiker auf der Bühne zu spielen begonnen. Aus Lautsprechern, die zu Dutzenden an der Decke hingen, ertönte ein langsames trauriges Lied.  
Die Gespräche waren verstummt und niemand achtete mehr auf Lu. Die Menschen drängten zur Bühne und ließen Lu stehen.  
Nun da die Musik spielte, sah die Menge gar nicht mehr so groß aus. Das Gedränge hatte sich vor der Bühne konzentriert und war dichter geworden. Lu verspürte keine Lust sich dazu zu stellen. Vielmehr verlangte es ihm nach Ruhe und einem Schluck zu Trinken. Er suchte den Tisch bei dem Getränkestand, konnte ihn aber nicht wiederentdecken. Mehr als einen stillen Platz, an dem er nachdenken konnte, brauchte Lu nicht, aber es schien mit dem Erklingen alles abgebaut zu sein.  
Etwas verloren schlenderte er in der Halle umher, als ihm die Galerie in den Sinn kam. Er machte sich auf den Weg.  
Bald merkte er, daß er sich erneut geirrt haben mußte. Es gab nicht so viele Treppen, wie er angenommen hatte. In der Tat konnte er nur eine einzige ausfindig machen. Um zu ihr zu gelangen, mußte Lu an dem inzwischen tanzenden Publikum vorbei hinter die Bühne gelangen.  
Der Boden war aufgeweicht und matschig. Je weiter er sich der Bühne näherte, desto beschwerlicher wurde der Weg. Schließlich mußte er die Schuhe ausziehen und die Hosenbeine aufkrempeln.  
Bis zu den Waden im Wasser watete er durch den schlammigen Bach, dessen Strömung von Sekunde zu Sekunde zunahm.  
Lu fiel der Länge nach hin. Er hatte sich unvorsichtigerweise umgedreht und nach der Bühne geschaut, die nicht mehr vor sondern hinter ihm lag. Nass bis auf die Haut richtete Lu sich wieder auf und kletterte ans Ufer. Schnell zog er sich aus und suchte Holz für ein Feuer. Leise wehte die kalte Luft Fetzen der traurige Musik an seine Ohren.  
Lu erinnerte sich, die Musik schon einmal gehört zu haben. Er muß damals noch ein Kind von nicht einmal sechs Jahren gewesen sein. Eine solche Musik, sagte Lu sich, kann man nur in sich behalten, wenn man noch sehr jung ist. Es war genau die Musik, die seine Mutter in ihrem Arbeitszimmer gehört hatte, als er mit tränenverhangenen Augen zu ihr gelaufen kam und den toten Igel in den Armen hielt.  
Bei dem Gedanken an den Igel, bemerkte Lu wie hungrig er war. Er schämte sich dafür vor sich selbst. Es war so niederträchtig wie ein Verrat. Ein Verrat an sich selbst, dachte Lu. Aber gegen den Hunger konnte Lu nicht ankämpfen; er drängte sich frech in seine Gedanken.  
Irgendwo in seinem Mantel mußte Lu noch einen Hundertmarkschein haben. Er suchte ihn und fand dabei zuerst eine angebrochene Tafel Schokolade, die er schnell auspackte und gierig hinunterschlang. Er kramte weiter in den Manteltaschen und brachte noch einen Apfel und eine defekte Glühbirne zum Vorschein. Den Apfel legte er neben sich in den Sand, dann holte er weit mit dem Arm aus und warf die Glühbirne über den Bach in die Dunkelheit.  
Die wenigen Holzscheite, die Lu hatte auftreiben können waren fast heruntegebrannt, doch seine Hose und der schwere Baumwollpullover troffen weiter vor Nässe.  
Der Wind pfiff über die Sanddüne, daß Lu laut mit den Zähnen klappernd fror. Schnellstens brauchte er etwas Trockenes zum Anziehen; es war offensichtlich, daß er nicht mehr lange derart nackt in der Nacht stehen konnte, ohne sich dabei schlimm zu erkälten.  
Das Laufen linderte die Schmerzen ein wenig. So hatte Lu noch nie zuvor gefroren; es tat weh als wäre er geschlagen worden. Dazu kamen noch die Kiesel, die zwischendurch im Sand verstreut lagen. Jedesmal, wenn Lu wieder auf einen der Steine getreten war, schrie er laut um den plötzlich einsetzenden Schmerz zu übertönen.  
Die Wenigen, die ihn durch die schwarze Strandlandschaft eilen sahen, trauten ihren Augen kaum, zu gespenstig war der Anblick. Eine hell leuchtende Gestalt lief, unterbrochen von gelegentlichen Hüpfern, die mit einem markerschütternden Ruf verbunden waren, den Bach entlang, gerade so als gehe es darum den Teufel selbst einzuholen.  
Lu wußte nichts von den verborgenen Beobachtern und selbst wenn, sie hätten ihn wohl kaum gekümmert. Er war zu sehr mit seinen schmerzenden Füßen, der Kälte und der Tatsache, daß die Bühne, die er verschwommen in einiger Entfernung sehen konnte, dunkel und verlassen war, beschäftigt.  
Er konnte es nicht glauben - die Party war vorbei. Lu beschleunigte seine Schritte. Das mußte er aus nächster Nähe sehen, bevor er es als Realität akzeptieren konnte.  
Schneller und schneller rannte Lu über den staubigen Platz. Pappebecher lagen zerknüllt zu Tausenden im Hallenrund verstreut.  
Verzweifelt lief Lu von einer Seite der leergefegten Halle zur anderen. Seine Stimme hallte von den Schreien wieder. Zuerst waren es noch vertraute Namen, dann ein einziges unartikuliertes Brüllen bis er sich schließlich wimmernd auf die Knie fallen ließ.  
Wie ein kleines Kind hockte er zusammengekauert zwischen dem übriggebliebenen Abfall. Er weinte. Schluchzend schüttelte er sich, trommelte mit den Fäusten auf den Boden und verstummte dann. Lang ausgestreckt lag er auf dem Boden und atmete schwer. Außer seinem schnellen Atem war es völlig still, fast gespenstisch still.  
Wie von einem Reflex geleitet sprang Lu plötzlich auf die Füße. Mit beinahe unmenschlich lauter Stimme schleuderte er ein allumfassendes NEIN! von sich.  
Sekundenlang wurde es von den hohen Wänden hin und her geworfen. In der darauf folgenden Stille sah er es dann:  
Über der Bühne hing ein riesiges Transparent. In fetten schwarzen Lettern prangte dort der Schriftzug:  
 
'LU WINKLER GEDÄCHTNISFEIER '93'
 
Lu war fassungslos. Er, - tot? Die ganze Zeit schon? Und er hatte es nicht bemerkt? Vorsichtig ging er auf das Transparent zu, aber der Wortlaut änderte sich nicht. Er war wirklich tot; alle anderen hatten es gewußt, nur ihm war es nicht aufgefallen.  
Schließlich stand er unter dem Trauerbanner und legte den Kopf in den Nacken. Aus dieser Perspektive konnte er die Schrift nicht mehr entziffern; das beruhigte ihn ein wenig. 'Es ist alles eine Frage der Perspektive', sagte er sich und setzte sich an den Flügel.  
Bedächtig ließ er die Finger über die elfenbeinernen Tasten gleiten. Er rückte sich den Schemel zurecht und begann das traurige Lied zu spielen, das bei der Beerdigung seiner Mutter die Zeremonie eröffnet hatte. Jenes Lied, das Lu so liebte, weil es ihn an die Frau erinnerte, die ihn einst gebar. Er hatte es so oft gespielt, daß er immer wieder behauptet hatte, er würde es auch im Grab noch können. Dieser Gedanke belustigte ihn dermaßen, daß er vor Lachen nicht weiter konnte.  
Wie hatten seine Freunde gelacht und den Spruch für einen famosen Scherz gehalten! Wie unrecht sie gehabt hatten - hier saß er nun, tot, und spielte sein Lieblingslied; zwar nicht im Grab aber immerhin tot, wenn das nicht sogar noch viel besser war.  
Aufgeheitert ließ Lu wieder die Finger über die Tasten hüpfen; aus dem getragenen Largo wurde ein Andante. Lu wippte mit den Schultern im Takt und sang dazu laut einen improvisierten Text:  
 

Was kümmert mich mein Tod - was geht er mich an  
Wozu muß ich leben - solang ich spielen kann  
Ich weiß kaum was bess'res - als tot allein  
Und dieser Flügel wird - mein Grabstein sein

 
 
Um den Ernst, den er Leben genannt hatte, endgültig zu vertreiben, ging er ohne Pause zu einem Rock'n'Roll-Klassiker von Bill Haley über, wobei er begeistert mit den Füßen den Takt schlug. Lu war der Ansicht, das sei der geeignete Abschied vom Leben.  
Nachdem er die Bühne hinabgeklettert war, schritt er die letzte übriggebliebene Treppe hinauf.  
Auf der Galerie angekommen, drehte er sich noch ein letztes mal um und entschwandt dann durch den Ausgang.  
 

2. Die Rückkehr

 
Im Treppenhaus war es dunkel. Lu konnte den Lichtschalter nicht finden; so tastete er sich behutsma am Geländer entlang und ließ Stockwerk nach Stockwerk unter sich.  
Das Haus war alt; bei jedem Schritt knackten die Fußbodenbretter. Lu merkte nicht, daß er immer noch nackt war; das Treppenhaus hatte ihn erhitzt.Angenehm stieg ihm sein Schweißgeruch in die Nase.  
Er spürte seine Gegenwart deutlich. Das dämmerige Licht verlieh seinen Empfindungen etwas ungewohnt Klares, als sei der Tod nur eine intensivere Form der Bewußtheit.  
Einmal dachte Lu kurz darüber nach, wo er eigentlich hin ging, dann vergaß er den Gedanken wieder.  
Über ihm schien das Treppenhaus kein Ende zu nehmen und wenn er für einen Moment in die Tiefe blickte, gab es auch kein Unten.  
Die Türen auf den Stockwerken en nur schemenhaft zu erkennen; kein Laut drang durch sie hindurch. Das Gebäude wirkte wie ausgestorben und vor langer Zeit schon verlassen, das Achzen der Treppenstufen war ein Klagelaut der Einsamkeit. Lu konnte es mitempfinden; es war ihm nur zu verständlich. Allein, ohne einen Zweck, ohne die Gewißheit, daß man zu etwas nutze war, lag es nahe, zu verzweifeln.  
Aber auch Verzweiflung war unbedeutend angesichts der Sinnlosigkeit des Todes. Wer interessiert sich schon für die Gefühle eines Gestorbenen. Der Tod erst offenbart die ewige Einsamkeit, die jedem von uns innewohnt. So war es. Und daß gerade der Tod diese Einsicht mit sich brachte, war wie ein nie endender Scherz, an dem ein Säugling in einer Karre immer wieder Vergnügen finden konnte.  
'Ja', dachte Lu sich, 'wenn es denn Gott gab, so war es ein hilfloses Kind, ein Kind, das niemals älter wird'. Das war in etwa das tröstlichste, das Lu je eingefallen war; Gott ein winziges Wesen, unmündig und immer hin und her gestoßen wie ein beliebiger Gegenstand.  
 
Lu öffnete die Badetimmertür. Durch den Luftzug begannen die Kerzenflammen zu flackern.  
'Da kommst du ja endlich, das Wasser wird schon kalt.'  
Lu ging die lange Reihe der Badewannen entlang, bog dann um die Ecke und nahm sich die perlmuttfarbene Seifenschale aus dem Regal. Schließlich stieg er zu Bruno in die Wanne.  
Das Wasser war trübe; der Schaum hatte sich schon aufgelöst. Bruno ließ den Rest des warmen Wassers aus dem Boiler und Lu gab noch etwas von dem Sandelholzschaumbad hinzu. Dann versuchten sie ihre Beine so aneinander vorbei zu fädeln, daß sie sie sich gemütlich ausstrecken konnten. Lu goß Rotwein in die bereitstehenden Gläser. Anschließend löschte Bruno beide Kerzen.  
Im Badezimmer war es stockdunkel; Lu und Bruno konnten sich nicht sehen. Die Weingläser fanden sie nur durch vorsichtiges Tasten. Undeutlich schwebte ein Orgelkonzert unter dem Türspalt durch. 'Händel', sagte Bruno und schwieg weiter.  
Nach einer stummen Pause ergänzte Lu, 'der jüngere', und sie lachten.  
Dann war es wieder still - und dunkel.  
Sie streckten ihre Arme nach einander aus. Behutsam begannen sie, sich gegenseitig zu streicheln; Lus Hände glitten an Brunos Körper hinab, liebkosten seinen beaarten Leib und tauchten im Wasser unter.  
Bruno hatte eine Erektion; fest und geschmeidig fühlte sich sein Schwanz in Lus Händen an. Langsam bog Lu ihn zu sich hin, dann beugte er sich hinab und stülpte seine Lippen darüber, um Bruno einen Kuß zu geben.  
Rasch richtete Lu sich wieder auf; er ließ sich tiefer ins warme Wasser gleiten und schob sich Bruno entgegen.  
Lu wollte sofort mit Bruno schlafen, keine Sekunde wollte er mehr warten. Begierig zog er Bruno zu sich hinab und reckte ihm seinen Schoß entgegen.  
Das Wasser schwappte laut über den Beckenrand und Bruno hatte Schwierigkeiten nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Zuletzt hatten sie aber eine bequeme Stellung gefunden. Lu hatte die Beine weit gespreizt über den Rand der Wanne baumeln lassen.  
Bruno gab einen Kuß an die Stelle, unter der die Halsschlagader verborgen liegt und griff unter sich, um sein steifes Glied einzuführen.  
Als Lu das Genital schnell in sich eindringen spürte, wich er erschrocken zurück. Abrupt richtete er sich auf und befühlte sich mit nassen Fingern. Widerstrebend lösten sich die Hände vom glatten Bauch, schwebten mehrere unentschlossene Sekunden zitternd in Brusthöhe und näherten sich langsam den aufgerichteten Brustwarzen.  
Eine fast unerträgliche Spannung ging von ihnen aus; Lu wußte kaum ob es Schmerz oder Verlangen war. In einem Schauer kleiner Wellen breitete sich die Spannung bis in die Zehenspitzen aus, ließ Lu frösteln und zog sich bald, einem großen Sog gleich, wieder in den Brustwarzen zusammen. Lu schauderte, wagte es gleichzeitig aber nicht, die aufs Äußerste erregten Erhebungen zu berühren.  
Wie lange mag Lu so, beinahe regungslos, in der Dunkelheit des Badezimmers gestanden haben? - höchstens ein paar Sekunden, doch für Lu existierte keine Zeit; das Aufspringen aus dem Wasser war wie ein Schritt in eine Welt anderer Bedeutungen gewesen. Worte waren dort nicht länger feste Einheiten, beliebig aneinanderknüpfbar, sondern Ideen, aus Bildern zusammengesetzt und nicht greifbar. Ein Wort folgte nicht dem anderen, baute nicht auf Vorangegangenem auf, barg in sich keine nachfolgenden Worte und bildete keinen Teil eines ineinandergreifenden Satzes. Alle Worzte waren gleichzeitig, verlagerten sich hierhin und dorthin, fanden sich zu neuen Bilder zusammen, die sich dem Denken widersetzten.  
Nichts in dieser Welt war fest oder benennbar; alles floss ineinander, stob auseinander und verdichtete sich für unsagbar kurze Zeit an einem Punkt, zu einer Empfindung um sofort daraufhin wieder zu einer verschwommenen, vagen Ahnung zu zerlaufen.  
Erst als die Fingerspitzen die Brustwarzen erreicht hatten, gelangte Lu wieder in die Welt des Badezimmers, in der Bruno sich fragte, was mit Lu geschehen war.  
Bruno sollte nicht bis zu einer Antwort auf seine Frage vordringen, denn von der plötzlichen Berührung der Brustwarzen durchzuckt, schrie Lu auf.  
'Mach bitte sofort das Licht an, Bruno, bitte, schnell!'  
Die Stimme war flehend. Erschrockene Furcht sprach aus ihr. Die Dringlichkeit mit der Lu gesprochen hatte, beunruhigte Bruno, doch bevor er noch aus der Badewanne steigen konnte, öffnete sich die Tür und Franziska schaltete die Deckenbeleuchtung an.  
'Lu, was ist mit dir?',fragte Franziska und sah wie Lu mit weit aufgerissenen AUgen an ihrem Körper hinabschaute.  
'Lu, bist du in Ordnung?', fragte Franziska weiter.  
Lu antwortete nicht Lu schaute auf ihre Brüste, auf die inzwischen wieder flach gewordenen Brustwarzen, auf die Schamhaare, die sich nass und weich anfühlten, als sie mit den Fingern darüber strich.  
Franziska hob fragend die Augenbrauen, aber Bruno zuckte nur unwissend mit den Schultern.  
Um wenigstens nicht untätig herumzustehen, legte Franziska ein Badetuch auf Lus Schultern und sagte dann zu Bruno, daß er jetzt besser gehen sollte.  
Als die Tür wieder geschlssen war, nahm Franziska Lu in die Arme und strich ihr die nassen Haare aus dem Gesicht. Eine Minute oder zwei standen sie sich so gegenüber, dann klammerte Lu sich an Franziska und heulte. Franziska verstand zwar nicht was vorgefallen war, warum Lu so außer sich war, aber das war im Moment auch unwichtig. Ersteinmal mußten die Tränen raus, dann konnten sie reden, falls Lu überhaupt reden wollte.  
Franziska dachte nicht nach, versuchte nicht sich vorzustellen, worüber Lu erschrocken war. Daß Lu erschrocken war, beinahe zu Tode erschrocken, daran gab es keinen Zweifel. Lus Augen sprachen für sich; etwas Schlimmes mußte geschehen sein.  
Nachdem Lu sich etwas gefangen hatte, setzte sie sich auf den Beckenrand und schaute zu Franziska auf. Sie schien etwas fragen zu wollen, aber anscheinend fehlten ihr die Worte.  
Langsam machte Franziska einen Schritt zurück und ließ sich dann auf der gegenüberliegenden Badewanne nieder. Der Abstand der beiden Wannen voneinander war gerade so groß, daß Franziska ihre Hände ausstrecken und Lu an den Händen fassen konnte.  
Lu war froh, daß Franziska sie nicht drängte. Noch mehr Fragen waren das Letzte wonach sie sich sehnte. Zeit, das war es was Lu brauchte, Zeit um sich klar zu werden, was eigentlich geschehen war und Zeit die beängstigenden Gefühle wieder loszuwerden.  
Die starke warmen Hände, die sie festhielten, gabe Lu das sichere Gefhühl, wirklich im Badezimmer zu sein und tatsächlich zu fühlen. Am liebsten wäre sie Franziska um den Hals gefallen, doch noch war sie nicht so weit. Erst war noch die Frage was eigentlich mit ihr geschehen war.  
Sie versuchte zu rekapitulieren; sie war im Treppenhaus gewesen und es gab kein Licht, dann hatte sie den Lichtstreifen unter der Tür gesehen und war ins Badezimmer gegangen. Bruno war da; er hatte etwas gesagt. Als sie vor der Badewanne stand, hatte sie im Kerzenschein gesehen wie Bruno sich selbst befriedigte; das Wasser schwappte leise und sie wußte, daß sie Bruno in der Badewanne wollte.  
Und dann? Ja, und was dann?! Das war nicht vorstellbar. Auch stimmte bis dahin etwas schon nicht. Zu Anfang schon hatte Lu etwas in ihrer Überlegung vergessen. Ganz dunkel und verschwommen fühlte sie eine Empfindung in sich, die sich aber nicht festhalten ließ. Diese Empfindung, die sie gehabt hatte, während sie die Treppen hinaufstioeg, war genau das, was ihr fehlte um sich wieder ganz und gar zu erinnern. Was war es nur? Verzweifelt dachte Lu hin und her. Wieder und wieder ging sie in Gedanken das Treppenhaus hinauf, wieder und wieder sah sie die Dunkelheit vor ihren Augen, roch sie ihren schweißnassen Körper; jedesmal gelangte sie wieder zu Bruno, der onanierend in der Badewanne lag und jedesmal fehlte auf dem Weg ein winziges kleines Teil, das sie nicht greifen konnte.  
 
Plötzlich flog die Tür auf und ein blaues Handtuch schwirrte durch den Raum. Franziska und Luerschraken; Franziska lachte, ungewollt. Sicher war das Bruno gewesen; sicher zermarterte er sich seit geraumer Zeit den Kopf darüber, warum er unerwünscht war. Der arme Kerl sah aber auch zu verdaddert aus, als sie ihm zu verstehen gegeben hatte, er störe. Eben war er noch drauf und dran gewesen Lu sein Ding reinzuschieben und dann, von einer Sekunde auf die andere keine Lu mehr die nur darauf wartet. Er war nicht mehr gefragt, stattdessen machte sich eine Frau an seiner Stelle breit und hielt es nicht für nötig ihn zu beruhigen, ihn der doch zutiefst in seiner männlichen Eitelkeit gekränkt war. Wo er sich Lu doch nun wirklich nicht aufgedrängt hatte.  
Franziska hatte recht. Die Situation, die sie sich ausmalte, kam der Wahrheit sehr nahe. Wo sie aber nicht mehr weiterwußte, war an dem Punkt, der Lu dazu bewogen haben mochte zu schreien. Franziska hatte gehofft, daß ihr plötzliches Lachen Lu aufgeweckt habe, aber Lu saß weiter stumm auf dem Wannenrand.  
Lu war erschrocken, aber erlösend war der Schreck nicht gewesen. Sie starrte ausdruckslos vor sich hin.  
Niemand konnte sagen, daß Franziska nicht geduldig war, aber letztendlich hatte sie auch noch etwas anderes vor, als den ganzen Tag auf einem Badewannenrand zu sitzen und zu schweigen. Sie wollte sich gerade erheben, als Lu endlich die Worte gefunden zu haben schien. Der Luftzug beim Öffnen der Tür hatte ihr das fehlende Teil in ihrem Puzzle zugeweht und sie hatte zugegriffen. Das war es nun und Lu wunderte sich, sie wunderte sich so sehr, daß sie nicht merkte, daß sie bereits etwas gesagt hatte.  
'Was hast du gesagt?', fragte Franziska.  
'Ich bin kein Mann', antwortete Lu und wurde sich erst nachdem sie es gesagt hatte dessen bewußt was es bedeutete.  
'Kein Mann?', sagte Franziska, 'und wer hat behauptet, du wärst ein Mann - halt', fiel es Franziska wie Schuppen von den Augen. Sie schien zu verstehen was vorgefallen war.  
'Nun gut', fuhr sie fort, 'das mag zwar gemein klingen, aber meinst du wirklich, das würde einen solchen Aufstand gerechtfertigen? Das war doch bestimmt nicht das erste Mal, das Bruno etwas von dir wollte wozu du keine Lust hast.'  
'Wozu ich keine Lust hatte?', fiel Lu ihr ins Wort. 'Natürlich hatte ich Lust, aber darum geht es doch gar nicht.'  
Warum stritten sie sich nur? Sie hatten es doch nicht beabsichtigt. Dennoch waren sie kurz davor sich anzuschreien. Franziska wollte gerne unvoreingenommen sein, doch darin lag schon der entscheidende Fehler. Sie 'wollte' bedeutete soviel wie, sie war es nicht. Und Lu hätte gerne erzählt, was ihr widerfahren war, nur, sie konnte das Bild, das sie gefunden hatte, nicht in einzelne Stücke zerbrechen nur um es verständlicher zu machen.  
Hätte sich Franziska nicht erinnert, weshalb sie ins Badezimmer gekommen war, wäre es vielleicht sogar bei einem Streit geblieben. Zum Glück jedoch fiel es ihr wieder ein.  
Sie stand auf und ließ eine Wanne vollaufen. Kurz zu Lu gewandt fragte sie dann: 'Badest du mit mir?'  
'Oh ja, das ist eine hervorragende Idee', erwiderte Lu und lachte befreit. 'Dabei kläre ich dann das große Geheimnis auf.' Zumindest will ich es versuchen, dachte sie für sich.
06.11.2025 - 1:04:22