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Das schallende Lachen der Täter – revisited
Stand: 03.08.2025, 16:48 Uhr
Was sagt uns ein zehn Jahre altes Buch von Klaus Theweleit über die Neue Rechte? Von Klaus Walter
August 2024: Beim Christopher Street Day in Görlitz veranstalten „Junge Nationalisten“ und die Neonazi-Gruppe „Elblandrevolte“ eine „Gegendemo”. Sie zeigen den Wolfsgruß, das „White Power“-Zeichen und skandieren: „HIV hilf uns doch, Schwule gibt es immer noch.”
April 2025: AfD-Abgeordnete sollen im mecklenburgischen Landtag den Linken-Politiker Dirk Bruhn nachgeäfft haben, als der eine Rede hielt. Aufgrund einer Parkinson-Erkrankung zittert seine rechte Hand. Dieses Zittern sollen mehrere AfD-Politiker imitiert haben.
Mai 2025: Der Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich (Ex-AfD, Schüler Union) verkündet, sein vielzitierter Satz, er sei „das freundliche Gesicht des Nationalsozialismus“ sei nur ein Scherz gewesen.
Juni 2025: Die Partei „Die Heimat“ (Ex-NPD) vertreibt Aufkleber mit der Aufschrift: „Normal statt divers“ und „Aus Anne wird Frank, das ist doch krank!“
21. Juni 2025: „Der Spiegel“ über „Feindbild Regenbogen”: „Nachdem im Oktober 2022 ein 19-Jähriger im slowakischen Bratislava zwei Besucher einer queeren Bar erschossen hatte, kursierten Bilder des Anschlags auf Telegram. Nach Spiegel-Recherchen kommentierte sie dort ein Deutscher, offenbar der Kopf der mutmaßlichen Terrorgruppe ,Sächsische Separatisten‘, mit den Worten: ,LMAO‘, ein Kürzel für ,Ich lach mir den Arsch ab.‘”
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27.Juni 2025: Frankfurter Rundschau: „Vier Männer stehen als Anführer der rechtsextremen Gruppe ,Combat 18 Deutschland‘ vor Gericht. Robin S. dreht schon vor Verhandlungsbeginn auf. Während seine Mitangeklagten noch bemüht teilnahmslos vor sich hin starren, demonstriert der 40-Jährige sein neonazistisches Selbstbewusstsein. Formt im Gerichtsaal seine Finger zur ,White Power‘-Geste, spricht einen antifaschistischen Pressefotografen mit Namen an, knipst ein Selfie vor der Phalanx der Fernsehkameras und Fotoapparate. Und grinst.“
Vor lauter Lachen habe ich jetzt „Das Lachen der Täter: Breivik u.a.“ von Klaus Theweleit wiedergelesen, zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung (Residenz Verlag, 248 S., 24 Euro). In diesem „Psychogramm der Tötungslust“ von 2015 analysiert der Autor der „Männerphantasien“ (1977) das Lachen von Tätern (kein Gendern nötig hier) bei Gewaltexzessen: Beim Morden, Vergewaltigen, Foltern. Der Psychosoziologe studiert Männer vom Islamischen Staat, die „Charlie Hebdo“-Mörder, Hutu in Ruanda beim Tutsi-Schlachten.
Und Anders Breivik, der 2011 in Norwegen 77 Menschen umbringt. „Der Killer lächelt, lacht und tobt sich aus“, schreibt Theweleit. „14-jährigen sozialdemokratischen Mädchen aus einem halben Meter Entfernung in den Kopf zu schießen – die so zutraulich sind, ihn für ihren Freund und Helfer zu halten –, ist ein hohes Vergnügen und ein großer Sieg im Kampf gegen den norwegischen ,Kulturmarxismus‘, den der Tempelritter Anders Behring Breivik auf sein Papier, d.h. in sein Internet-Manifest geschrieben hat.“
Auch Böhnhardt, Mundlos & Zschäpe haben ihren Auftritt, die drei vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), die sich und ihre Fans mit Bekennervideos im Paulchen-Panther-Stil zum Lachen bringen.
Theweleit gönnt sich ein Kapitel „Männerphantasien revisited“. Vielen sei aufgefallen, dass große Teile des Breivik-Manifests „den Äußerungen jener deutschen Freikorpsleute ähneln, die ich in ,Männerphantasien‘ untersucht habe“. Vor der „Feminisierung der europäischen Kultur“ warnt Breivik, vor einem „radikal feministischen Angriff auf unsere Werte“, und der „psychologischen Kriegsführung gegen den europäischen Mann“. Da liefert der Tempelritter Vorlagen für das, was Männer wie Höcke, Orban, Kaczynski & Co. Jahre später verdichten zu einem griffigen rechtsautoritären Maskulinismus.
Wenn Breivik von „Alpha Boys“ fantasiert, wenn er seine Ängste vor „Entmannung“, „Impotenz“ oder der „Vergewaltigung Europas“ formuliert oder Parlamentarier und Parlamentarierinnen als „politische Prostituierte“ bezeichnet, dann nimmt er Incels und Proud Boys vorweg, die unfreiwillig Zölibatären und Manosphere-Sektierer, die zunächst als durchgeknallte Irr-, Amokläufer und Egoshooter abgetan werden, very Hollywood. Bis sich rausstellt, dass man mit denen nicht nur das Capitol stürmen kann, sondern auch das Weiße Haus zurückerobern. Make American Masculinity Great Again. Und weiß.
Theweleit betont Breiviks Angst vor Unordnung: „Der gepanzerte, von Schmutz und Fragmentierungsängsten bedrohte Körper des soldatischen Mannes hält äußeres ,Gewimmel‘, sei es von tatsächlichen Insekten und Kleintieren, sei es von Menschen ,niederer Rassen‘, die er ,selbstredend‘ als Ungeziefer bezeichnet, nicht aus.“ Ungeziefer? So nennt Mr. President abzuschiebende Migranten.
„Das Lachen der Täter“ gehört revisited, schon für Theweleits Exegese des Breivik-Manifests, diese prophetische Antizipation dessen, was wir heute kennen als die banale Bosheit alltäglicher Kulturkämpfe. Wer hätte das gedacht: Der norwegische Massenmörder als Vordenker eines misogynen, homophoben, queerphoben Backlashs?
Was ist los mit dem Lachen der Täter? „Gemeinsame Gewaltausübung, explodierend im gemeinsamen Gelächter“, schreibt Theweleit, gemünzt auf die Massenmörder und Vergewaltiger. Aber trifft seine Diagnose auch zu auf die grinsenden bis schallend lachenden Täter, die queere Aktivistinnen und Aktivisten angreifen, ihnen die „Schwulenpest“ an den Hals wünschen, sich den Arsch ablachen, wenn einer von denen draufgeht, die zitternde Kranke nachäffen?
Von oben aufgenommen: Eine Menschenmenge angesichts eines riesigen Meeres niedergelegter Blumen und Karten.
Zentrale Gedenkkundgebung, Oslo, 25. Juli 2011. © Björn Larsson Rosvall/Imago
Schadenfreude verbindet (wie Autobahn, Blitzkrieg, Götterdämmerung, Übermensch oder Wehrmacht ist Schadenfreude als Lehnwort ins Englische migriert). Schadenfreude stiftet Identität unter den Lachern. „Das gemeinsame Gelächter stabilisiert ihre Körper. Spannungsausgleich, Homöostase.“ Das Schlüsselwort Homöostase findet Theweleit bei der Kinder-Psychoanalytikerin Margret Mahler, zu deutsch Spannungsausgleich. Ob Amoklauf, Dschihad oder Machetengemetzel, ob Ostkongo, Syrien, Afghanistan, das zerfallende Jugoslawien oder Ruanda, wenn der, so Theweleit, „Normalfall “ des Tötens ausgerufen ist, dann gilt: „Das Erreichen der Homöostase durchs Töten.“ Lachen inklusive.
Theweleit erinnert an „Deutschland und Österreich, die bis vor siebzig Jahren (von 2015 aus, K.W.) einen Spitzenplatz in den erlaubten Ermordungs- und Ausrottungsaktionen einnahmen – exzessiv lachend; dann entspannt lächelnd“. Und: „Zur Homöostase gehört das Schauspiel des Tötens, kulminierend im exzessiven Gelächter der Ausübung höchster Macht (…) Das Gelächter ist das orgiastische Gefühl der Killer.“
Schadenfreude verbindet. Wie Autobahn, Blitzkrieg, Übermensch, Götterdämmerung oder Wehrmacht ist Schadenfreude als Lehnwort ins Englische migriert. Schadenfreude stiftet Identität unter den Lachern
Klaus Walter
Nein, die Jungs von „Combat 18“, der „Elblandrevolte“ oder den „Jungen Nationalisten“ sind – noch – keine Killer, aber zum Kill-Schauspiel gehört das Publikum, gehört das Lachen des Publikums, wenn da einer zittert. Oder erschossen wird. Dieses Lachen ist nicht mehr tabuisiert, die Freude am Schaden der Anderen, die Lust an Beleidigung, Demütigung, Erniedrigung der Anderen wird nicht mehr camoufliert, sie wird zur Schau getragen – das Lachen der Täter verstetigt sich zur politischen Attitüde.
Nicht nur bei den explizit Rechten. Gelacht werden darf auch bei Till Backhaus von der SPD. Der Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern haut einen dieternuhresken Befreiungsschlag gegen die Diktatur der Wokeness raus, mit einem Kalauer über die Grünen-Politikerin Ricarda Lang: „Früher waren Dick und Doof zwei Personen.“ Das bisschen Fatshaming bringt uns nicht gleich um. Fatshaming? Catcalling? Ghosting? Anglizismen aus dem Wörterbuch des woken Kulturmarxismus, mit dem schon Breivik aufräumen wollte, wie mit dem „radikal feministischen Angriff auf unsere Werte“.
In diesem Kulturkampf findet der norwegische Einzeltäter 14 Jahre nach dem Morden immer mehr Buddies, die ähnlich denken und vor allem fühlen, die Spannungsausgleich suchen im Markieren, Diskriminieren und Attackieren der anderen. Im Othering derer, die nicht ihren Normen entsprechen, vor allem nicht der Heteronorm. Schwulen den HIV-Tod wünschen, Queers verprügeln, Transpersonen verhöhnen (eine Spezialität der AFDlerin von Storch). Je sicht- und hörbarer Leute von der Heteronorm abweichen, desto gefährlicher leben sie. Je mehr Buchstaben das Kürzel LGBTQIA+ dazubekommt, desto größer wird der Hass auf die Normabweichenden.
Im Sommer häufen sich Angriffe auf Pride- und CSD-Paraden, bevorzugt in der Provinz, in Ostdeutschland, wo gerade ein Revival der Baseballschlägerjahre steigt, inklusive Reenactment der Baseballschlägerjahre. Kaum hatten sich (links)liberale Medien daran gewöhnt, dass Neonazis nicht mehr nur in Bomberjacke und Springerstiefel rumlaufen, da tun neue Jungmännerhorden genau das: Haare ab, Springerstiefel, ganz in Schwarz, wo geht‘s hier zum CSD? Mit dieser Uniform der scharfen Konturen ver-körpern die neuen Baseballschläger auch optisch den maximalen Kontrast zu den bunten, queeren Party People, die ihrerseits Diversitäten performen und sich als Zielscheibe anbieten: für das Lachen der Täter. „Normal statt divers“, oder mit der Leitmotiv-Mutter aller Parolen der AfD: „Deutschland, aber normal.“
Das Wiederlesen von Theweleits Buch hilft zu verstehen, wie organisch, wie rhizomatisch die Kultur- und Genderkämpfe seit 2015 um sich greifen
Klaus Walter
Das Wiederlesen von Theweleits Buch hilft zu verstehen, wie organisch, wie rhizomatisch die Kultur- und Genderkämpfe seit 2015 um sich greifen. Zudem hilft „Das Lachen der Täter“ zu verstehen, was in den Männern vorging, die am 7. Oktober Besucher und Besucherinnen eines auch unter Queers beliebten Festivals vergewaltigen, massakrieren und sich dabei filmen. Und es hilft zu verstehen, was in den Männern vorging, die Gisèle Pelicot vergewaltigten, betäubt und zur Verfügung gestellt von ihrem Gatten.
Wie, Hamas und Monsieur Pelicot hätten nichts miteinander zu tun? Nun, bei beiden bleibt offen: „Die Frage nach der Art der Sexualität des Vergewaltigers.“ Theweleit versucht es mit dem Wort „Tötungssexualität“ und fragt am Fall des ruandischen Genozids: „Muss nicht eine ganz spezielle körperliche Verfasstheit vorliegen, wenn es gelingen soll, Auge in Auge mit einem Vater, dessen Tochter man als junger Nachbarsohn vergewaltigt, die zur Vergewaltigung benötigte Erektion zu bekommen?“
Die Frage bleibt, daher zur Entspannung noch eine Parole aus dem rechten Gender Fight Club in Originalschreibweise. „Es gibt nur zwei Geschlächter.“ Gelächter gestattet.
03.08.2025 - 17:05:21